Immer wieder werde ich darauf angesprochen, wie (oder dafür angegriffen, dass) ich denn auf der einen Seite (z.B. beim Impfen oder bei meiner Mitarbeit bei MEZIS oder Leitlinienwatch) vehement für eine Evidenz-basierte, wissenschaftliche Medizin eintreten könne und auf der anderen Seite in meiner eigenen Kinderarztpraxis mit der Klassischen Homöopathie Hahnemanns eine Behandlungmethode anwende, deren Wirkungsweise letztendlich unbekannt ist, die unserem cartesianisch geprägten Wissenschaftsverständnis widerspricht und deren Heilerfolge sich der Erfassung mit den Werkzeugen moderner Statistik - wie sie z.B. eine der Grundlagen der Evidenz-basierten Medizin darstellen - entziehen.

 

Die "Schulmedizin" (auch: "universitäre Medizin", "orthodoxe Medizin") erhebt - gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten - einen Absolutheitsanspruch sowohl, was die Definition, als auch was die Erklärung von  "Gesundheit" und "Krankheit" (und teilweise auch die meist lukrative Neuerfindung von Krankheitsbildern (AKDAE 2015)) betrifft. Auf der Grundlage dieser Definitions- und Erklärungsversuche werden apodiktisch formulierte Vorschriften erlassen, wie denn in Prävention, Diagnostik und Therapie diese Definitionen und Erkenntnisse umzusetzen seien: die Quantität der so genannten Leitlinien für jede noch so banale oder gravierende medizinische Fragestellung wächst täglich - ihre Qualität und Unabhängigkeit lässt jedoch in vielen Fällen deutlich zu wünschen übrig ... (Napierala 2018)). Eine Medizin, die mit diesem Anspruch auftritt, den Entscheidungsspielraum der einzelnen Ärztin/des einzelnen Arztes in der Betreuung ihrer/seiner Patienten im Namen der Wissenschaft zunehmend einzuschränken, den Eltern die ihnen rechtlich zustehende Entscheidung über z.B. die Impfungen ihrer eigenen Kinder zunehmend streitig zu machen, ja de facto abzusprechen: eine solche Medizin muss dann ihrerseits hohen und höchsten wissenschaftlichen und ethischen Ansprüchen genügen - und zwar zum einen bezüglich der Evidenzgrundlage ihrer Behauptungen und Vorschriften, zum anderen aber auch im Hinblick auf die Freiheit dieser z.B. Leitlinien von Interessen anderer (wie z.B. der Hersteller der empfohlenen Impfstoffe, Rheumamedikamente oder Psychopharmaka).

Als auch universitär ausgebildeter Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin gehört diese "Schulmedizin" zu meinem täglichen Handwerkszeug und wo ich sie im Interesse der mir anvertrauten Kinder nutze, muss ich sicher sein, dass ihre von mir verwendeten Methoden die behauptete und erwartete Sicherheit bieten. Aus diesem Anspruch speist sich sowohl meine intensive Beschäftigung mit dem Thema Impfen (impf-info.de), meine Mitarbeit bei Leitlinienwatch für die Unabhängigkeit medizinischer Leitlinien von illegitimen Interessen Dritter als auch mein Streiten bei MEZIS für die Unabhängigkeit ärztlicher Information und Weiterbildung von Interesssen der pharmazeutischen oder medizintechnischen Industrie. Ergebnis dieser intensiven Beschäftigung ist dann z.B. die ernüchternde Erkenntnis, dass nur ein kleiner Teil der veröffentlichten Leitlinien frei ist von Interessenkonflikten und dass vorhandene Interessenkonflikte bei der Erstellung solcher medizinischen Katechismen allzu oft nicht ernst genommen oder gar ignoriert werden oder dass zumindest unprofessionell und unvollständig mit ihnen umgegangen wird (Napierala 2018). Und es zeigt sich, dass es mit der Evidenz-Basierung der "Schulmedizin" oft gar nicht so weit her ist: eine Veröffentlichung in einer der weltweit wichtigsten medizinischen Fachpublikationen, dem British Medical Journal, unter dem Titel "How much of orthodox medicine is evidence based?" legte 2007 nahe, dass dies im günstigsten Fall für die Hälfte der 2500 untersuchten Standardverfahren der "Schulmedizin" angenommen werden kann (Garrow 2007).

 

Garrow 2007

(Garrow 2007).

 

Der Einwand, diese Übersicht sei mehr als 10 Jahre alt, greift zu kurz, da auch die Analysen aktueller Leitlinienempfehlungen für häufige körperliche (z.B. Rückenschmerzen - AHRQ 2016) oder seelische Erkrankungen (z.B. Depressionen - Gøtzsche 2016) nachdrücklich zeigen, wie gefährlich, ja unverantwortlich dünn das Eis der behaupteten zugrunde liegenden Evidenz dieser Empfehlungen ist. Berücksichtigt man dann noch, dass viele der in Übersichtsarbeiten ("Reviews") schulmedizinischer Leitlinien einfließenden Studien primär von den Herstellerfirmen (mit-)verfasst sind, wird klar, warum führende Evidenzforscher die Evidenz-basierte Medizin mittlerweile durch die Industrie "gekidnappt" sehen (Ioannidis 2016) oder die Qualität dieser dann letztendlich interessengesteuerten "Evidenz"-Veröffentlichungen lakonisch-plakativ mit einem "garbage in - garbage out" beschreiben (Thomas Jefferson zitiert bei Demasi 2018).

Angesichts dieser zahllosen Einschränkungen und Abstriche beim selbsterhobenen wissenschaftlichen und ethischen Anspruch  der "Schulmedizin" stünde dieser - auch in der Diskussion mit so genannten komplementärmedizinischen Verfahren - ein wenig mehr Bescheidenheit, ja, vielleicht sogar Demut meiner festen Überzeugung nach gut zu Gesicht.

 

Auch die Klassische Homöopathie hat reichlich Grund zu Bescheidenheit und Demut:

Die Quelle ihrer Arzneikenntnis war zwar für die Epoche ihrer Entdeckung revolutionär experimentell (die so genannte Arzneimittelprüfung), dennoch sind bis heute viele der verwendeten homöopathischen Arzneimittel auch nach Homöopathie-immanenten Kriterien weit weniger gut untersucht und ihre Ergebnisse weniger zuverlässig reproduzierbar, als ihre Anwenderinnen und Anwender es sich wünschen. Das ihr eigene Verfahren der Arzneimittelherstellung widerspricht eklatant unserem cartesianisch-newton'schen Welt- und Wissenschaftsbild (die moderne Medizin ist eine der letzten wissenschaftlichen Bastionen, die dieses Bild bis jetzt ziemlich erfolgreich gegen (fast) jeden Einfluss z.B. der Quantenphysik verteidigt) und ihre behaupteten Erfolge, die Linderung oder gar Heilung von Beschwerden sich ihr anvertrauender Patienten, entziehen sich bis jetzt ebenfalls ziemlich erfolgreich der Erfassung durch die Methoden moderner Statistik und Evidenzforschung.

Der für mich entscheidende Unterschied ist jedoch der im Vergleich zur "orthodoxen Medizin" fehlende Absolutheitsanspruch und vor allem das Fehlen eines autoritär-direktiven Auftretens. Die Homöopathie formuliert keine Leitlinien zur Behandlung eines Asthma bronchiale oder eines ADHS, nach denen es ein "richtiges" oder "falsches" Vorgehen gäbe und sie sucht nicht die offizielle Kompetition mit der "Schulmedizin". Auch spricht sie letzterer nicht (wie im umgekehrten Falle) die Existenzberechtigung ab und müsste daher beweisen, dass sie stets und überall die bessere  oder gar einzig rationale Wahl wäre (kein(e) klug homöopathisch Behandelnde(r) würde dies behaupten).

Es geht ihr darum, wie ihr Begründer Hahnemann im ersten Paragraphen seines Grundlagenwerkes "Organon" formuliert "kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt" - und um auf keinen Fall missverstanden zu werden, fügt er in einer Fußnote hinzu: "Nicht aber (womit so viele Aerzte bisher Kräfte und Zeit ruhmsüchtig verschwendeten) das Zusammenspinnen leerer Einfälle und Hypothesen über das innere Wesen des Lebensvorgangs und der Krankheitsentstehungen […]  oder die unzähligen Erklärungsversuche über die Erscheinungen in Krankheiten und die, ihnen stets verborgen gebliebene, nächste Ursache derselben u.s.w. …"  (Hahnemann 1842).

Ersteres - das "gesund (oder zumindest: gesünder) machen kranker Menschen" gelingt im Zusammenspiel von Therapeutin/en, Klassischer Homöopathie und Patienten in der Praxis (rein empirisch!) erstaunlich häufig - wenn auch beileibe nicht immer. Welchen konkreten Anteil an diesem Behandlungserfolg dann das ausführliche Erheben der Krankengeschichte (Standardvorwurf: "Kurzzeit-Psychotherapie"), das spezifische homöopathische Arzneimittel, welchen Anteil die Behandlerin/der Behandler mit ihrer/seiner Persönlichkeit, welchen die Patientin/der Patient mit ihrer/seiner Erwartenshaltung, welchen ein bei jeder, auch der orthodoxesten Form von Therapie immer beteiligter Placebo-Effekt hat - ich weiß es nicht, es ist (mir) aber auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist, dass es den mir anvertrauten Menschen mit und nach der Behandlung besser geht als vorher (was bei weitem nicht jede schulmedizinische Therapie für sich reklamieren kann).

Hat also wer heilt Recht? Nein, nicht zwangsläufig - aber geht es bei der Behandlung kranker Menschen darum, Recht zu haben oder zu behalten? Die oder der Behandelnde hat aber meiner Überzeugung nach das Recht, eben das zu tun, was heilt; zumindest, solange die Hippokrates zugeschriebene alleroberste Forderung an jede Form von Medizin, zu allererst einmal nicht zu schaden (Primum nil nocere), erfüllt wird. Die homöopathischen "Zuckerkügelchen" stehen selbst bei ihren fanatischsten Gegnern (die sie gerne öffentlichkeitsheischend zum Beweis der Unwirksamkeit grammweise in sich hineinwerfen...) nicht im Verdacht, unerwünschte Nebenwirkungen auszulösen; sie wirken im schlimmsten Fall einfach gar nicht. Das pharmakologische Instrumentarium der "Schulmedizin" verursacht durch sachgemäßen oder unsachgemäßen Gebrauch hingegen soviel Schaden, dass "Nebenwirkungen" schulmedizinischer Medikamente in so genannten zivilisierten Ländern nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs an dritter Stelle der Todesursachenstatistik stehen (Gøtzsche 2018).

Dass der in diesem Zusammenhang regelmäßig erhobene, letztendlich hilflos wirkende Vorwurf an die Homöopathie, sie schade allein schon dadurch, dass durch ihre Anwendung andere, notwendige und "wirksame" Behandlungen unterblieben und der Patient dadurch zu Schaden komme, in's Leere läuft - dafür zu sorgen ist die Herausforderung an jede(n) die Homöopathie therapeutisch Nutzende(n), die/der die Möglichkeiten und Grenzen seiner Methoden - der "alternativen" wie der "orthodoxen" stets (selbst-) kritisch im Blick behalten muss.

 

Literatur

AHRQ. 2016. Noninvasive Treatments for Low Back Pain: Current State of the Evidence. (Abruf 13.10.2018)

AKDAE. 2015. Arzneiverordnung in der Praxis. 42:178-83. (Abruf 13.10.2018)

Demasi M. 2018. Cochrane - A sinking ship. BMJ EBM Spotlight 16.09.2018. (Abruf 13.10.2018)

Garrow JS. 2007. BMJ 335:951.

Gøtzsche P. Gute Medizin - Schlechte Medizin. München 2018.

Gøtzsche P. Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen. München 2018.

Hahnemann S. 1842. Organon der Heilkunst, 6. Auflage. Textkritische Ausgabe. Heidelberg 1992.

Ioannidis JP. J Clin Epidemiol. 2016 May;73:82-6

Napierala H. 2018. BMC Medical Ethics. 19:65. (Abruf 13.10.2018)